Debatten & Vorträge

Wie schnell einen die Vergangenheit doch wieder einholen kann. Als vor 150 Jahren Buchdrucker und Schriftsetzer den Konstanzer Ortsverein des Verbands der Deutschen Buchdrucker gründeten, vegetierten sie zumeist am Rande des Existenzminimums. Sie lebten in feuchten, dunklen Wohnungen, arbeiteten in giftigen Dämpfen und starben meist in jungen Jahren. Sie schufteten oft isoliert und zogen vielfach von einem Betrieb zum nächsten, immer auf der Suche nach einem Auskommen und einer Zukunft. Ihre Lage besserte sich erst, als sie sich zusammenschlossen, Gewerkschaften gründeten und gemeinsam zu handeln begannen. Erst danach konnten sie halbwegs akzeptable Löhne, kürzere Arbeitszeiten und eine menschenwürdige Arbeitsumgebung durchsetzen.

Und heute? Heute wächst wieder die Zahl derer, die sich vereinzelt als Scheinselbstständige verdingen müssen, kaum Rechte haben und einen Lohn erhalten, der zum Leben kaum reicht und unaufhaltsam in die Altersarmut führt. Sie sind nicht mehr Druckereigehilfen, sondern Paketboten, Fahrradkuriere und Callcenterbeschäftigte, Minijobber:innen und Cloudworker, ambulante Altenpflegerinnen und Reinigungskräfte, Leiharbeiter:innen und Teilzeitbeschäftigte, Arbeitsmigrant:innen und Sicherheitsleute – kurzum: das neue Proletariat. Dieses Fussvolk des zunehmend digitalisierten Kapitalismus arbeitet unter ähnlich prekären Bedingungen wie die Lohnabhängigen im 19. Jahrhundert.

Anders als den Proletarier:innen früherer Zeiten fällt es den Prekarisierten heute jedoch schwer, sich als Kollektiv mit gemeinsamen Interessen zu begreifen: Sie arbeiten isoliert, sind allein unterwegs oder zu Hause, finden nur wenig Unterstützung und schaffen es nur vereinzelt, Beschäftigtenrechte, Tarifverträge, bessere Bedingungen oder ein höheres Entgelt durchzusetzen.

Was können die verarmten Lohnabhängigen heute von früheren Kämpfen lernen? Wie schaffen sie es, die Individualisierung ihrer Arbeitswelt zu überwinden? Auf welche Weise stellen wir eine Solidarität aller abhängig Beschäftigten her? Worin bestehen die Konflikte der Zukunft? Wie müssen sich die Gewerkschaften ändern, um die heutigen Herausforderungen zu bestehen?
Um diese Fragen – und noch viel mehr – ging es bei der Veranstaltungsreihe des Ortsvereins im Mai 2022.

 

Debatten & Vorträge

Die Themen

Die Vernissage zu unserer Ausstellung

Die Kultur- und Organisationsgeschichte der Druck- und Medienindustrie

Anpassung und Gegenwehr in der Arbeitswelt

Debatte: Zur Lage des Pflegepersonals in der Region

Wie Schmuggel und Fluchthilfe die Menschlichkeit bewahren
Grenzüberschreitend für gleiche Rechte und gleichen Lohn
Lesung aus den Büchern von Max Porzig, Vera Hemm und Erwin Reisacher

Unser Ausflug nach Bischofszell

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